Haltung gegenüber Nationalpark – Hüttenwart Thomas Meier

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Zum Projekt Parc Adula: Seit 14 Jahren bin ich immer wieder mit diesem Projekt beschäftigt. Als Hüttenwart der Länta‐Hütte, als Touristiker und ehemaliger Präsidenten der Valser Tourismusorganisation, und als Alpinist und Kartograf, der in den Adula‐Bergen seine Wurzeln geschlagen hat. Ungezählt sind die Strategiesitzungen, die Work‐Shops, die Anhörungen und Veranstaltungen, die ich seither besucht habe.

Meine Motivation und Botschaft dabei war stets, dem Bergsport Gewicht zu geben, seine touristische Bedeutung und Wertschöpfung zu unterstreichen und die Aktivitäten des SAC in den Kontext zu allen anderen Aktivitäten zu stellen, die im geplanten Park ausgeübt werden. Dabei habe ich erlebt, wie sich das Projekt Parc Adula über all die Jahre vom ursprünglich geplanten Naturschutzgebiet zu einer Marketingmaschine verwandelte.
Mit beiden Bestrebungen bekunde ich Mühe, weil sie Sichtweisen von aussen manifestieren. Der Blick aus dem urbanen Raum in die Berge ist von Idealen und Werten geprägt, die mit der Wirklichkeit manchmal nur wenig zu tun haben. In diesem Spannungsfeld der Gegensätze liegt gleichermassen Potential wie Unheil. Es ist also eine Frage der Ausgestaltung, der Zuwendung, des aufrichtigen Interessens und Wissens, wenn man in der Schweiz ausgerechnet dort einen neuen Nationalpark einrichten will, wo der Lebens‐ und Kulturraum schon jetzt nachhaltig bewirtschaftet wird und sich die Natur bisher ganz gut selber zu Schützen wusste.
Da deckt sich meine Haltung mit jener vom SAC, der nicht zu Unrecht bemängelt, dass um den Preis einer nur schwierig zu steuernden, verstärkten Entwicklung in der Umgebungszone der Alpinismus eingeschränkt werden soll. In einer Kernzone notabene, wo schon heute Schutzmechanismen greifen. Somit geht es auch um eine Präjudiz, erstmals in der Schweiz sollen ähnliche Gebote und Verbote zur Anwendung kommen, wie wir diese vom Winter her mit den Wildruhezonen kennen. Gegen diese ist nichts einzuwenden, wenn der SAC als Partner auf gleicher Augenhöhe am Verhandlungstisch sitzt. Wir wissen, dass dies in der Vergangenheit häufig nicht so war. Und auch der Parc Adula wüsste den SAC gerne als Partner an seine Seite. Doch der SAC musste sich auch in diesem Projekt seine Mitsprache mühsam erkämpfen. Dies hängt auch mit seinen dezentralen, nicht immer vor Ort verankerten Strukturen zusammen (Stichwort Hütten im Parkperimeter und ihre besitzenden Sektionen im Unterland).

Der Parc Adula hat in den letzten Jahren wichtige Diskussionen angestossen und Kontakte über die Berge hinweg in die Nachbartäler geschaffen. Über den Erfolg bestimmen die Inhalte. Und diese müssen, wie der Parc sagt, von den Einheimischen gesetzt werden. Somit sind wir da wo wir im Berggebiet immer sind, mit oder ohne Park. Bei ganz wenigen Köpfen und Initiativen die die Kraft haben zu formen, zu verändern. Neu mit dem Park gibt es einzig und alleine ein weiteres Kässeli mit Geldern für Anstossfinanzierungen und den Parkbetrieb. Das lehne ich ab. Nicht weil es zu wenig ist, sondern der falsche Ansatz.


Fakten hinsichtlich Länta‐Hütte SAC:

  • Im geplanten Parc Adula liegt die Länta‐Hütte in der Umgebungszone, nur wenige Meter von der Kernzonengrenze entfernt.
  • Die Kernzone umfasst 60% des Tourengebietes der Länta‐Hütte, darin liegen vom Rheinwaldhorn im Süden bis zum Piz Scharboda im Norden 11 Hochtourengipfel und 4 für Alpinisten und Bergwanderer wichtige Pässe.
  • Die Kernzone in der Länta führt entlang des Alpenhauptkammes, der gleichzeitig die Grenze zum Tessin bildet, und bedeckt dabei die westliche Talseite, teilweise bis zum Valser Rhein hinab. 
  • Gemäss der jetzt aufliegenden Charta bedeutet dies für die Tourentätigkeit in der Länta: Ausserhalb der markierten Wege darf man nur noch auf vorgegebenen Routen unterwegs sein. Diese Routen entsprechen etwa 40% der bisher gegebenen Möglichkeiten. Im Sommer nicht mehr bestiegen werden darf das Grauhorn und praktisch verunmöglicht ist die Tour auf den Piz Scharboda. Im Winter gibt es Einschränkungen in der Val Nova und im Gebiet vom Piz Jut.
  • Am Soredapass sind bei den Seen und beim Läntagletscher bei der Zunge sogenannte Aufenthaltszonen vorgesehen, wo man Wege und Routen etwas grossräumiger verlassen darf. Die übrigen Flächen in der Kernzone dürfen nicht mehr betreten werden. 

Rein kommerziell betrachtet, könnte die Länta‐Hütte im geplanten Nationalpark von einem verstärkten Aufkommen von Touristen und Hüttenwanderern sogar profitieren. Wenn wir die Stärke und Kernkompetenz der Hütte weiterhin wahrnehmen wollen, sind wir aber auch allen anderen Tätigkeiten des Bergsports gegenüber verpflichtet.

Immer wieder betont der Parc Adula hierzu, dass sich 98% der Gäste sowieso auf markierten Wegen bewegen würden, und somit lediglich 2 % der Gäste vom Routen‐ und Weg‐Gebot in der geplanten Kernzone betroffen wären. Aber stimmt das überhaupt? Das Beispiel Länta‐Hütte zeigt:

  • Saisonale Verteilung der Logiernächte Länta‐Hütte im Jahr 2014:
    30% Winter und 70% Sommergäste
  • Aktivitäten der Sommergäste: 10% Bergsteiger, 15% Kletterer, 35% Hüttenwanderer, 40% Alpin‐ und Bergwanderer.

Da sich Skitourenfahrer bekanntlich frei im Gelände bewegen, ebenso die Kletterer, die Bergsteiger und Teile der Alpinwanderer, kommen auf der Länta‐Hütte über das ganze Jahr betrachtet gut 45% der Logiernächte durch Gäste zu Stande, die sich nicht oder nicht ausschliesslich auf markierten Wegen und Routen bewegen.

 
Risiken für den Hüttenbetrieb mit einem Nationalpark
Die Restriktion, die Gefahr von Verschiebungen durch nicht mehr selber zu beeinflussende Faktoren, liegt somit in der Auslegeordnung und der unterschiedlichen Interpretation von Zahlen. So stellen für den SAC z.B. die wenigen Bergsteiger, die im Sommer frei im Gelände unterwegs sind, keine Gefahr für Natur und Umwelt dar. Für den Parc Adula sind die wenigen nicht gross genug, um ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. 
Konfliktpotential ist auch sichtbar, wenn es künftig um Fragen des Unterhalts, der Sanierung und der Verlegung von Bergwegen geht, im Zusammenhang mit Naturereignissen oder veränderten Gewohnheiten.
Klar ist auch, dass die Hütten nur im Rahmen der heute gegeben Grössen betrieben und versorgt werden dürfen. Das würde andernorts keine Branche akzeptieren. Dir Zementierung des Bestehenden verleugnet zudem, was auch Teil jedes Prozesses in der Natur ist, die stete Wandlung, Anpassung, Metamorphose.

 
Enges Tal – weites Land:
Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass man im Bergsport nicht nur den gepfadeten Wegen und Routen folgt. Es ist wie im Leben. Die eigene Entwicklung schreitet mit dem Spiel, der Neugier und der Suche nach dem Weg voran. Nicht immer ist dabei der vermeintlich einfachste Weg der richtige, der spannende. Räume, wo solche Erfahrungen möglich sind, werden immer rarer. Und nicht selten flüchten wir genau deswegen aus unserer überreglementierten Welt. (Und dabei verbrennen wir auf unseren Ferienflügen in die vermeintlich heile Welt tausende Tonnen Kerosin.)

Die Länta‐Hütte liegt weit abgelegen zuhinterst in einem engen Tal. Die eigentliche Stärke der Hütte ist das vielfältige Tourengebiet. Ein weites Umland mit der Möglichkeit tagelang laufen zu können ohne auf viele Menschen zu stossen.
Zwar haben auch wir in den letzten Jahren neue Wege geschaffen, Kletterrouten eingebohrt und die eine oder andere Alpinroute markiert – doch der Reiz, das Argument unserer Gäste immer wieder zu kommen, ist die gegebene Freiheit den Füssen immer wieder neue Richtungen geben zu können. Doch dieser Nimbus von Authentizität und Rückbesinnung, dieser leise Ansatz von Wildnis ist stets in Gefahr beschädigt zu werden – geschieht dies durch einen Nationalpark wie am vorliegenden Beispiel, ist dies besonders verwerflich.

 
Thomas Meier – Vals im Dezember 2015